Romanik an der Via Claudia: Ein Streifzug
durch die Geschichte von Altenstadt


Altenstadt, die einstige mittelalterliche und welfische Stadt Schongau, liegt im Westen des Landkreises Weilheim-Schongau, der bei der Gebietsreform 1972 neu gebildet wurde, und zugleich auch im Westen der von Kirchen und Klosterbauten geprägten Kulturlandschaft Pfaffenwinkel.

Die Siedlungs- und Ortsgeschichte von Altenstadt reicht weit zurück. Funde aus der Bronze- und Urnenfelderzeit um 1300 bis 700 vor Christus begründen diese Aussage. Ebenso ist die Anwesenheit der Römer vom ersten bis vierten Jahrhundert nach Christi durch Funde belegt. Dazu zählen das Bruchstück einer Tegula, eine Sichel sowie eine Messing- und zwei Bronzemünzen. Dabei handelt es sich zum einen um eine gallische Kolonialmünze „Augustus und Agrippa“, die in die Zeit zwischen 1 und 14 nach Christi zu datieren ist, sowie um eine Kaiser-Nero-Münze, die aus der Zeit von 54 bis 68 nach Christi stammt.

Spätrömische Grabfunde
aus dem vierten Jahrhundert
Dass in Altenstadt, wie früher nur vermutet, römisches Militär stationiert war, bewies das im Jahr 1961 bei der Kiesgewinnung entdeckte spätrömische Gräberfeld aus dem vierten Jahrhundert nach Christus.  Von den festgestellten 33 Gräbern wurden davon 20 sachkundig untersucht. Aus der Füllstoffanalyse ergab sich der wissenschaftliche Nachweis von mehreren Soldatengräbern.

Der Begräbnisplatz lag etwa in der Mitte zwischen dem Burglachberg und der 250 Meter weiter östlich vorbeiführenden transalpinen Heer- und Handelsstraße Via Claudia. Die Bestattungen erfolgten während des vierten jahrhunderts. Auch im Ortskern wurde das Grab eines römischen Soldaten freigelegt. Der sichere Nachweis zur Anwesenheit römischen Militärs im heutigen Altenstadt lässt auf eine Garnision auf dem damals strategischen wichtigen Burglachberg schließen. Damit hätte Altenstadt eine in der Römerzeit beginnende und heute mit der Bundeswehr bestehende lange Garnisionsgeschichte vorzuweisen (siehe dazu unten den Absatz "Gemeinde wird Garnisionsort".

Der ehemals befestigte Burglachberg hat wegen topographischer Gründe und wegen der Nähe zur östlich vorbeiführenden Heer- und Handelsstraße Via Claudia, die in den Jahren 46 und 47 nach Christus gebaut und ausgebaut wurde, während der Römerzeit und auch noch im Mittelalter eine wichtige Funktion eingenommen.


Worauf die Münzfunde
schließen lassen

Die Münzfunde aus der Zeit bis ins Jahr 68 nach Christi lassen auf eine römische Niederlassung in Altenstadt schließen. Die Jahrhunderte, die auf das Ende der Römerzeit folgen, gelten auch in Altenstadt als dunkles Zeitalter. Erst ab dem 8. Jahrhundert sind wieder Zeugnisse für die historische Entwicklung nachzuweisen.

Eine bewegte und geschichtlich sehr bedeutsame Zeitspanne war das 8. und das 9. Jahrhundert nach Christus, als der spätere Kaiser Karl I. der Große (geboren 747). von dem das Hochadelsgeschlecht "der Karolinger" seinen Namen hat, ab 768 als König das Reich der Franken regierte und ab 800 als römischer Kaiser das christliche Abendland formte. Für eine kulturelle Entwicklung und für die Hebung der Volksbildung richtete er Schulen ein und besuchte diese auch. Für eine bessere Nahrungsmittelversorgung durch eine ertragreichere Bewirtschaftung der Böden schuf er Musterhöfe, sogenannte Reichshöfe, auch Königshöfe genannt. 

Christian Frank, Kaufbeuren, hat mit seinen intensiven diesbezüglichen Forschungen rund 30 solcher Höfe im Raum Allgäu nachgewiesen, so auch einen in Altenstadt, im ursprünglichen Schongau, dem zentralen Ort an der internationalen Reichsstraße Via Claudia gelegen. 

Der Reichshof in Altenstadt befand sich vor mehr als 1000 Jahren, gegenüber dem Rathaus, auf und an der geologischen östlichen Schönachterrasse. Diese beginnt am südlichen Ortsende von Altenstadt, zieht sich entlang der Schönach Richtung Norden nach Hohenfurch, wo sie mit der Schönachmündung in den Lech ausläuft. Zum Reichshof gehörte auch eine Taufkirche (Baptisterium). Wilfried Titze, der ehrenamtliche und unermüdliche Heimatforscher, hat in seinen zahlreichen Grabungsberichten an das Landesamt für Denkmalpflege, München, den Standort der St. Michaelskirche auch als Standort der ersten Vorgängerkirche nachgewiesen. Auch die zweite Vorqänqerkirche stand am selben Platz.

Zur Reichshofausstattung gehörte auch eine Mahlmühle. Diese ist urkundlich nachweisbar. Im Jahre 1263 wurde diese vom letzten Staufer, König Konradin, für 45 Pfund Augsburger Pfennige an das Kloster Rottenbuch verkauft. Bis zur Klosteraufhebung im Jahre 1803 gehörte sie zum Besitztum des Klosters. 

Archäologische Grabung
erfolgte im Jahr 2001
Seitens der Gemeinde Altenstadt und der katholischen Pfarrkirchenstiftung St. Michael, Altenstadt, wurde 2001 die Erweiterung des gemeindlichen Friedhofs und die Anlage eines Besucherparkplatzes geplant. Das gesamte Areal südlich/südwestlich der weithin bekannten alpenländisch-romanischen Basilika gehörte ehemals zu einem landwirtschaftlichen Anwesen.

Wegen der Nähe zu bekannten archäologischen Fundstellen empfahl das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege für die infrage kommende Grundstücksfläche eine archäologische Grabung. Damit wurde die Firma Planum GmbH aus Gauting (Dr. Robert Ganslmeier) beauftragt. Bereits im Vorfeld der Grabung haben interessierte Historiker ein Steinfundament eines mittelalterlichen Gebäudes freigelegt, das von den Abmessungen her als Wohnturm zu deuten ist. Dem Bericht des Grabungsleiters vom 26. Januar 2002 ist zu entnehmen, dass Fundamente mehrerer Häuser und Postenspuren bäuerlicher Herkunft entdeckt wurden. Diese ließen sich der romanischen und der gotischen Epoche zuordnen.  

Die Bebauung des Areals und deren Art lassen interessante Schlüsse zu. Zum einen auf die ortsgeschichtliche Entwicklung und zum anderen auf die Siedlungskontinuität, gerade während der Zeitspanne der Gründung der neuen staufischen Stadt Schongau im Verlauf der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts.

Inwieweit diese archäologischen Funde mit den Grabungsfunden im ermittelten Reichshofareal in Verbindung stehen, ist noch nicht erforscht bzw. noch nicht ausgewertet. Die Bebauungsspuren südlich/ südwestlich der Basilika lassen aber auch den Schluss zu, dass sich hier der urkundlich nachweisbare welfische Hof in der einstigen Stadt Schongau befand. Ein Merksatz im Magazin GEOEpoche trifft auch auf die hier noch offenen Fragen zu: "Geschichte ist ein Bild mit vielen Bildern."

Zwischen beiden geschichtlich interessanten Feldern steht heute noch, nach weit mehr als 800 Jahren, auf dem angestammten Platz der zwei Vorgängerkirchen, die einzigartige alpenländisch-romanische St. Michaelsbasilika. Mit diesen erzählt sie uns heute noch von den bewegten Zeiten lange vor der ersten Jahrtausendwende, als damals Mächtige des Reiches sich im zentralen Ort an der Via Claudia aufgehalten haben. Und so wirkt sie auch heute noch als geschichtliche, religiöse und kulturelle Klammer über einen Zeitraum von 1200 Jahren. 

Erstmals wird der Ortsname
„Scongoe“ (Schongau) erwähnt
Mit der Fortsetzung der Welfenherrschaft im Ammergau und am Lechrain durch Herzog Welf IV. (Jüngere Welfen) bekam die markante Siedlung am kleinen Schönachfluss zur Mitte des 11. Jahrhunderts den Namen Schongau, der auf den Schönachgau zurückgeht. Erstmals wird Altschongau in einer Aufzeichnung im Traditionenbuch des Klosters Benediktbeuern zwischen 1070 und 1080 als „Scongoe“ erwähnt. Ein Eintrag zur Schenkung der Andechser Grafen über Leibeigene nennt einen „Huc de Scongoe“ als Zeugen dieses Rechtsgeschäfts. Es ist davon auszugehen, dass dieser Ministeriale (Vermögensverwalter) des Welfen war.


Unter dem Schutz der Welfen – Altenstadt war Eigengut dieses Herrschergeschlechts – , aber auch als Raststation für Heeresabteilungen sowie als Stapel- und Umschlagplatz für Warenzüge gewann der unmittelbar an der Via Claudia zentral gelegene, aufstrebende Ort an Bedeutung und Wohlstand.


Im 12. Jahrhundert, während der Herrschaft von Herzog Welf VI., muss Altschongau – durchaus vergleichbar mit dem Verlauf der Stadtwerdung  - eine wirtschaftliche und religiöse Blütezeit erlebt haben. Daran erinnern heutzutage nach mehr als acht Jahrhunderten die um 1150 entstandene romanische ehemalige St. Lorenzkirche (seit 1812 ein bäuerliches Wohnhaus) und die im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts offensichtlich als Stadtkirche errichtete alpenländisch-romanische St. Michaelsbasilika.

Beide Gotteshäuser wurden über Grundmauern von jeweils zwei Vorgängerkirchen erbaut, die durch Grabungsfunde nachgewiesen sind. Die Herkunft des Materials für die Basilika aus dem Tuffsteinvorkommen im fünf Kilometer entfernten Schwabsoien ist erwiesen. Bei dem für St. Lorenz ist es sehr naheliegend.


Die Basilika als
Verhandlungsort
Weitreichende Bedeutung gewann die Basilika im 13. Jahrhundert als Verhandlungsort, um kirchliche Streitigkeiten beizulegen. Nach einer Urkunde aus dem Jahr 1253 wurde der Zehentstreit zwischen dem Pfarrer von St. Lorenz und dem Kloster Rottenbuch hier entschieden. Des Weiteren ist auch der Streit um die Zugehörigkeit der Kirche von Böbing – Gegner waren die Welfenklöster in Rottenbuch und Steingaden im Jahr 1269 in Altenstadt verhandelt worden. Beide Bauwerke, St. Lorenz und St. Michael, sind steinerne Wahrzeichen der Gemeinde Altenstadt und der Pfarrei.


Mit der Gründung der neuen Stadt Schongau durch die Staufer in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts auf dem nahen einstigen Lechumlaufberg begann die rund 600 Jahre währende gemeinsame Geschichte von Altenstadt und Schongau. Diese endete mit dem Gemeindeedikt vom 17. Mai 1818, mit dem Altenstadt als politische Gemeinde wieder selbstständig wurde.


Der Templerorden, der im Jahr 1119 in Jerusalem zur Verteidigung der heiligen Stätten gegründet wurde, besaß in Alt-Schongau und in umliegenden Ortschaften zwölf Höfe und zwei Waldungen. Diese wurden laut Urkunde am 7. Dezember 1289 an das Prämonstratenserkloster Steingaden verkauft. In der gleichen Urkunde werden ein Hof und eine halbe Hube im Gebiet der alten Stadt Schongau, also auf Altenstadter Flur, genannt.


Das Stadtrecht der neuen Stadt Schongau von 1346 erwähnt die Rechte der „Altenstädter“. Mit dem Wachsen der neuen Stadt und dem wirtschaftlichen Aufstieg verlor die alte Stadt mehr und mehr an Bedeutung und Einfluss. Fortan konnte sie nur als Stadtteil und als Pfarrdorf weiter bestehen. An die Glanzzeiten der alten Stadt erinnerten nur noch die St. Lorenzkirche und die Basilika, die längere Zeit als gemeinsame Pfarrkirche für das alte und das neue Schongau diente. In einer Urkunde aus dem Jahre 1406 wird schon der Ortsname Altenstadt genannt.


Gemeinde wird
zum Garnisionsort
Ein weiter Sprung ins 20. Jahrhundert: Altenstadt war 1937 ein Ort mit 537 Einwohnern und mit typisch dörflichem Charakter, weithin bekannt durch die romanische St. Michaelsbasilika. Mit dem Bau der militärischen Anlagen für die Flakartillerieschule IV und mit dem dazu gehörenden Flugplatz Schongau-Altenstadt wurde die Gemeinde Garnisionsort und verlor im Lauf der vergangenen Jahrzehnte das dörfliche Erscheinungsbild.


Die militärischen Gebäude, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs teilweise leer standen, boten mittelständischen Betrieben die Möglichkeit, sich in Altenstadt anzusiedeln. Um 1950 entstand eine Vielzahl an Arbeitsplätzen, hauptsächlich in der Wirkwaren- und Strumpfindustrie. Die Einwohnerzahl nahm rasch zu. Viele Heimatvertriebenen aus den früheren Produktionsorten im Sudetenland und Flüchtlinge aus Schlesien und Flüchtlinge aus Schlesien fanden einen Arbeitsplatz. Einher ging damit auch die Schaffung zusätzlichen Wohnraums.


Mit dem Beschluss aus dem Jahr 1955, die Bundeswehr zu gründen, wurde Altenstadt ab 1956 Standort und Heimat der Luftlande- und Lufttransportschule (LL/LTS). Dort werden Soldaten aus der Bundeswehr, aus dem Bereich der NATO und aus anderen Staaten ausgebildet. Mehr als 60 Jahre gibt es inzwischen das Miteinander von zivilen und militärischen Belangen. Seit 2014 ist die Franz-Josef-Strauß-Kaserne auch der Standort für das neu aufgestellte Ausbildungsbataillon 3 für Feldwebel- und Unteroffiziersanwärter. Im Januar 2016 wurde die ehemalige LL/LTS im Zuge der Bundeswehrreform in den Ausbildungsstützpunkt Luftlande/Lufttransport überführt. 


Fünf Gemeinden in
der VG Altenstadt
Bei der Gemeindereform im Jahr 1978 wurde das früher eigenständige Schwabniederhofen eingemeindet. Gleichzeitig entstand auch die Verwaltungsgemeinschaft Altenstadt; ihr gehören die fünf Gemeinden Hohenfurch, Ingenried, Schwabbruck, Schwabsoien und Altenstadt an. Die Gemeinde Altenstadt hat gut 3500 Einwohner (Stand 2019). Seit dem Jahr 2000 ist Altenstadt Mitglied im Regionalverbund Auerbergland. Diesem gehören 14 Gemeinden mit 26 000 Einwohnern an. Das Mittelzentrum Schongau|Peiting|Altenstadt hat 27 000 Einwohner. 


Die landschaftliche Lage im Voralpenland, die Nähe zu einer Vielfalt an Sehenswürdigkeiten und zu kulturellen Angeboten sowie verschiedene Möglichkeiten einer sinnvollen Freizeitgestaltung, verbunden mit dem Arbeitsplatzangebot im Mittelzentrum Schongau|Peiting|Altenstadt, machen die Gemeinde zu einem Ort, in dem es sich gut leben lässt.      Konrad Socher

Anmerkung: Veröffentlichung bzw. Verwendung dieses Beitrags in anderen Publikationen - auch auszugsweise - nur nach Rücksprache mit dem Verfasser. 
Quellennachweis: 
Brockhaus: Geschichte
Ganslmeier, Dr. Robert: Im Schatten der romanischen St. Michaelsbasilika. Archäologische Ausgrabungen des Jahres 2001 in Altenstadt (Landkreis Weilheim-Schongau) als Beitrag zur welfisch-staufischen Stadtgründung.
Goettler Hedwig: Aufzeichnungen- und Unterlagensammlung für eine Gemeindechronik. 
Keller Erwin: Die spätrömischen Grabfunde in Südbayern.
Simnacher Georg: Allgäuer Zeitung Mai 1992 Kurat Christian Frank - Schwabentum ohne Heimatseligkeit.
Stuhlfauth, Adam: Peiting-Schongau (Altenstadt) unter den Welfen (1050 bis 1200).
Tietze Wilfried: Grabungsberichte an das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege in München.

 

 

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Mittelständiges Lappenbeil aus der Bronzezeit.
 
Gallische Kolonialmünze "Augustus und Agrippa", datiert auf die Jahre 1 bis 14 nach Christi.
 
Via Claudia-Denkmal. Bau und Ausbau der Via Claudia erfolgten ...
... unter Kaiser Claudius 46/47 nach Christus.
Die ehemalige romanische St. Lorenzkirche aus der Mitte des zwölften Jahrhunderts. Die Aufnahme von Eduard Fentsch (München) stammt aus dem Jahr 1877.
Romanischer Leuchterfuss aus dem Reichhofsareal.

 
Die drei Apsiden der Basilika; Herzog Welf VI. ist mit Sicherheit der Erbauer der Basilika.
 
Eichenholzscheibe vom Balkenfund im ermittelten Reichshofgelände (gegenüber Rathaus); Fälldatum laut dendrochronologischer Untersuchung um 1190.
Piccoli-Münze Friedrich II. aus dem 12. bzw. 13. Jahrhundert, ebenfalls vom Reichshofareal, geprägt in Verona.
 
Altenstadt im 13. Jhd. Rekonstruktion (Ansicht vom Burglachberg Richtung Peiting) - eine Studie von Dr. Robert Ganslmeier.